Wer sagt eigentlich, dass du recht hast?

Veröffentlicht am 23. Oktober 2026 um 12:58

Was wir für wahr halten, hängt davon ab, wie wir die Welt sehen.

Du bist überzeugt, eine Situation richtig einzuschätzen. Schliesslich hast du selbst erlebt, was passiert ist. Doch jemand anderes, der dabei war, erzählt dieselbe Geschichte ganz anders. Und ist sich seiner Sache genauso sicher.

Wer hat nun recht?

Vielleicht ist das bereits die falsche Frage. Denn zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und dennoch zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen gelangen. Nicht unbedingt, weil einer von ihnen falschliegt, sondern weil sie unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen mitbringen.

Wir sehen nicht einfach die Welt, wie sie ist. Wir geben dem, was wir erleben, eine Bedeutung.

Genau hier beginnt systemisches Denken.

Was bedeutet eigentlich «systemisch»?

Wir alle sind Teil unterschiedlicher sozialer Systeme: unserer Familie, unseres Freundeskreises, eines Teams oder einer Organisation. Darin entwickeln sich Beziehungen, Rollen, Erwartungen und unausgesprochene Regeln, die unser Denken und Handeln beeinflussen.

Systemisches Denken bedeutet, Menschen und ihr Verhalten nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit ihrem Umfeld.

Eine Führungskraft kontrolliert ihre Mitarbeiterin regelmässig. Sie versteht die Nachfragen als Unterstützung. Die Mitarbeiterin hingegen empfindet sie als Misstrauen und zieht sich zunehmend zurück. Daraufhin kontrolliert die Führungskraft noch häufiger.

Beide reagieren aufeinander und verstärken damit möglicherweise genau das, was sie vermeiden möchten.

Der systemische Blick richtet sich deshalb weniger auf die Frage, wer sich falsch verhält. Interessanter ist, wie die Beteiligten einander beeinflussen, welche Erwartungen dahinterstehen und welche Muster daraus entstehen.

Dabei interessiert auch, wie Menschen zu ihren unterschiedlichen Sichtweisen gelangen. Das bedeutet nicht, dass jede Interpretation gleichermassen zutrifft oder Fakten beliebig sind. Es eröffnet jedoch die Möglichkeit, eine Situation aus mehreren Perspektiven zu betrachten.

Woher kommt das systemische Denken?

Das systemische Denken hat seine Wurzeln in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Einen wichtigen Ausgangspunkt bildete die Allgemeine Systemtheorie des Biologen Ludwig von Bertalanffy. Seine zentrale Überlegung: Um ein System zu verstehen, reicht es nicht, seine einzelnen Bestandteile zu untersuchen. Entscheidend sind auch ihre Beziehungen zueinander.

Der Anthropologe Gregory Bateson übertrug diesen Blick auf menschliche Kommunikation. Er beschäftigte sich damit, wie Menschen sich gegenseitig beeinflussen und wie ihr Verhalten erst im Zusammenhang mit ihren Beziehungen verständlich wird. Damit prägte er die Entwicklung der systemischen Familientherapie.

Virginia Satir gehörte zu den Pionierinnen dieser therapeutischen Arbeit. Sie rückte die Kommunikation innerhalb von Familien, ihre Beziehungsmuster und den Selbstwert der einzelnen Mitglieder in den Mittelpunkt. Ihr Ansatz zeigte, wie Veränderungen im Miteinander neue Entwicklungen ermöglichen können.

Parallel dazu beschäftigte sich der Konstruktivismus mit der Frage, wie unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit entsteht. Heinz von Foerster betonte dabei die Rolle des Beobachters: Was wir erkennen, hängt auch davon ab, wie wir beobachten.

Der Soziologe Niklas Luhmann entwickelte eine eigenständige Theorie sozialer Systeme. Für ihn bestehen soziale Systeme nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikation. Indem Kommunikation an weitere Kommunikation anschliesst, erhalten sich soziale Systeme selbst.

Einen weiteren Impuls für die Beratungspraxis gaben Steve de Shazer und Insoo Kim Berg. Mit ihrem lösungsfokussierten Ansatz rückten sie Ressourcen, Ausnahmen von Problemen und mögliche Veränderungen in den Mittelpunkt.

Diese unterschiedlichen Ansätze haben das heutige systemische Denken geprägt. Sie lenken den Blick auf Beziehungen, Kommunikation und Wechselwirkungen.

Und was bringt uns diese Erkenntnis?

Wenn wir anerkennen, dass unsere Sichtweise nicht die einzig mögliche ist, entsteht Raum für andere Fragen: Was könnte hinter dem Verhalten meines Gegenübers stecken? Welche Erwartungen treffen aufeinander? Und welchen Anteil habe ich selbst an der Situation?

Solche Fragen helfen uns, festgefahrene Muster zu erkennen. Statt nur darauf zu warten, dass sich andere verändern, können wir überlegen, was wir selbst anders machen möchten. Denn auch eine kleine Veränderung im eigenen Verhalten kann das Miteinander beeinflussen.

Eine neue Perspektive ist noch keine Lösung. Aber sie kann neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

In der systemischen Beratung geht es darum, solche Zusammenhänge gemeinsam zu erkunden, bisherige Annahmen zu hinterfragen und neue Möglichkeiten zu entwickeln. Welche davon sinnvoll sind, entscheiden die Menschen selbst.

Und was, wenn du etwas übersiehst?

Vielleicht lohnt es sich, beim nächsten Konflikt nicht nur die eigene Sichtweise zu hinterfragen, sondern auch neugierig auf die des Gegenübers zu sein.

Das bedeutet nicht, dass du deine Überzeugung aufgeben musst. Du kannst die Gründe deines Gegenübers nachvollziehen und trotzdem anderer Meinung bleiben. Verstehen heisst nicht, einverstanden zu sein.

Vielleicht geht es manchmal weniger darum, recht zu haben, als darum, etwas zu verstehen.